1/05/2007

Stecker raus!

Plädoyer für eine Identitäts-Löschung


In den heißen Sommertagen des gerade vergangenen Jahres wurde ich Mitglied bei einem Portal, dass sich die Vernetzung von Studenten auf die Fahnen geschrieben hat. Das sei eine gute Sache, glaubte ich. In den verschiedenen Themengruppen müsse sich bestimmt interessant debattieren lassen, vermutete ich. Auf den (damals noch) sehr ausführlich geführten Profil-Seiten ließe sich bestimmt einiges über ungeliebte Kommilitonen herausfinden, hoffte ich.
Die entscheidende Frage, die ich mir bei so vielen Vermutungen und Wünschen nicht stellte (und das ist eine Selbstbezichtigung, denn ich mache das sonst notorisch), ist für mich heute die nach der Motivation: Warum machen die das? Was springt für die Macher von studiVZ dabei heraus, wenn ich meine Identität ihnen und der vernetzen deutschsprachigen Studentenschaft zu Füßen lege? Ich dachte diese Frage nicht. Vielleicht ließ ich mich von der angenehmen Abwesenheit von Werbebannern blenden, vielleicht waren meine bisherigen Erfahrungen mit neuartigen Internetmedien zu gut. Es ist egal, ich war blöd. Als mir nach und nach bewusst wurde, was das für ein Ding ist (kein schlechteres Unternehmen als die meisten anderen auch: also ein mieses) sagte ich mir erst, ich müsse in den "guten" Gruppen Präsenz zeigen, später dann, ich wolle über meine Profilseite und Kommentare Werbung für dieses Weblog machen. Das war alles Selbstbetrug. Voyeurismus ist der einzige Grund für mein und unser Verweilen im studiVZ. Es gibt keinen Grund, interessierten Käufern unsere Daten zu schenken. Es gibt keinen Grund, Mitarbeitern des Verfassungsschutzes die Schätzung der Gruppengröße von Antifas, Öko-Aktivisten oder sozialistischen Studenten zu erleichtern. Es gibt keinen Grund, einem Unternehmen das Marketing zu erleichtern, indem hunderttausende von Bites für den Austausch über die schönsten Erinnerungen an Barbie oder Playmobil verschwendet werden, indem sich Menschen mit Hang zur Spielsucht darüber austauschen, worauf sie am liebsten wetten und so fort.
Warum also bleiben wir da noch? Jetzt, wo auch noch das Gefühl, der Schein von "Projekt von Studenten für Studenten" weggefallen ist. In dieser Woche übernahm das Medienkonglomerat Holtzbrinck (Zeit, Handelsblatt) das studivz. Ein Holtzbrinck-Sprecher sagte der taz, man hoffe langfristig darauf, studiVZ durch gezielte Werbung an die User kostenfrei und gewinnbringend betreiben zu können.
Wer aber gezielt Konsumenten ansprechen will, der muss auch deren Angaben gezielt auswerten. So könnte die Weitergabe unserer Daten an Dritte vermieden werden (was ja in der Satzung/Mitgliedsvereinbarung ausgeschlossen wird) und gleichzeitig diese Daten eben doch zu kommerziellen Zwecken genutzt werden, indem das StudiVZ sich stellvertretend für werbende Unternehmen an seine Mitglieder wendet. Aber auch andere, netzethisch noch bedenklichere, Möglichkeiten der Vermarktung unserer Privatsphären sind denkbar. Alex Rühle schreibt dazu zusammenfassend im Aufmacher des Feuilletons der Süddeutschen Zeitung an diesem Wochenende: "(Für) Investoren wie den Mogul Murdoch, der MySpace (Netz-Plattform mit ähnlichem Konzept, oz) für 580 Millionen Dollar kaufte oder den Verlag Holtzbrinck sind all die 'Freunde' auf solchen Portalen nur als Wirtschaftsfaktor interessant. MySpace lässt heute schon ahnen, wie man digitale Freundschaften zu Geld macht: Jede Interessengruppe ist dort so etwas wie ein Mikromarktsegment, die User fächern sich freiwillig für die Marktforschung in ihre verschiedenen Konsumvorlieben auf - und sind dabei auch noch für die Firmen und ihre neuesten Produkte jederzeit online erreichbar. Holtzbrinck hat nicht nur ein soziales Portal gekauft sondern eine ganze Generation zukünftiger Konsumenten."
Dem ist nicht viel hinzuzufügen, nur ein kleiner, abschließender Aufruf an alle nicht Käuflichen:
Es wird - allerspätestens jetzt - wieder mal Zeit für eine Massenbewegung: Die massenhafte Profil-Löschung im studivz!

2 Comments:

Blogger Der To said...

Ach Ozzi,
da hast du ja mal wieder zu einem vernichtenden Schlag gegen das System ausgeholt.
Diese ewige Dämonisierung des Konsums und der Unternehmen die aus selbigem Profit schlagen... Scheisse Ozz, beiß doch nicht die Hand die dich füttert. Wir wissen doch beide, dass auch du der materiellen Welt der Markenvielfalt nicht abgeneigt bist, ihr viel verdankst und noch viel mehr in Zukunft verdanken wirst. Schöne Klamotten, gute Weine ein feines Essen in der schön eingerichteten Küche mit der Freundin, die sich über ihr neues Handy freud, einen interessanten Nebenjob und die unfassbar sonnige Aussicht auf eine Zukunft in Glück, Harmonie, Wohlstand und Sicherheit, nach der wir doch ach so sehr streben. Deine Attacken gegen das kapitalistische System scheinen mir aufgrund dieser Data doch reichlich inkonsequent.
Natürlich gibt es eine Menge störendes: Hässliche Popups, dumme Rotzgören in Kinderschokoladespots, die Beeinflussung der Persönlichkeit durch Werbung und durch das Konsumverhalten anderer, etc. Jedoch sind dies Opfer, die ich gerne bereit bin zu erbringen. Das sind nunmal die Schattenseiten der heutigen Zeit, und im Vergleich zu den Schattenseiten aller damaligen Zeiten nicht mehr als lästige aber dennoch harmlose Mückenstiche.
Die schöne neue Welt wird es niemals geben, schon alleine dank der Vermarktung ihres Drucks nicht.

Deinem Feldzug gegen mein ach so geliebtes StudiVZ kann ich nur mit ernst erhobener Baionette entgegentreten. Ich halte mich strikt an meine Maxime: Die Mittel heiligen den Zweck. Auch wenn Unternehmen Kapital aus der Kontaktfreudigkeit der Studenten ziehen, so soll mir das recht sein, solange sie mir ein Portal zur verfügung stellen, durch das ich wirklich n Haufe Spass hab. Im Grunde baut mein gesamtes Selbstbewustsein doch auf meiner StudiVZ-Identität auf:)
Selbst die Nutzung meines Persönlichkeitsprofils zu Marktforschungszwecken oder gar zu gezielten Werbemaßnahmen, führte doch lediglich zu der algorithmisch ermittelten Empfehlung:"Nicht Konsumfreudig -> Werbemaßnahmen bei dieser Person sind mit zu hoher Wahrscheinlichkeit rausgeschmissenes Geld!!".

Also Ozz, lass die Kaufläute doch verkaufen, die Publizisten schreiben und die Wirtschaftsinformatiker abgefahrene Programme schreiben, die aus Persönlichkeitsprofilen Werbeempfehlungen entwickeln. Jeder macht das, was er am besten kann.

8:01 nachm.  
Blogger Jens said...

Mr Ozburn, Herr To...
ich hatte auch gehadert, wollte da raus und fand die blicke in der Uni nervig, äußerte mich nur noch sarkastisch und hab diese pseudoemotionale Ausbreitung von Vitalität miterlebt, verdammt, gehasst. Tja, trotzdem bete ich den Götzen weiter an. Die Phasen gehen eben vorüber.
So, den comment hab ich nur geposted weil ich irgendwie net ganz check wie ich mich zu deinem Blog anmelden kann. Du schreibst ja viel regelmäßiger als ich für ein breites Publikum. Nun... workeds?

2:25 vorm.  

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